Apotheken in Deutschland: Kampf zwischen Fachberatung und Online-Boom
Sebastian HoffmannApotheken in Deutschland: Kampf zwischen Fachberatung und Online-Boom
Deutschlands Arzneimittelversorgung steht am Scheideweg – das warnt die Deutsche Apotheker- und Ärztebank (Apobank) in einer deutlichen Stellungnahme. Die Zukunft der lokalen Apotheken hängt nun davon ab, ob sie als zentraler Bestandteil der Gesundheitsversorgung erhalten bleiben oder sich den Marktkräften beugen müssen. Matthias Schellenberg, Vorstandsvorsitzender der Apobank, skizziert zwei gegensätzliche Szenarien: eine fachkundige Betreuung durch Apothekerinnen und Apotheker oder eine anonyme, selbstbediente Medikamentenabgabe durch Online-Händler.
Schellenberg betonte, dass Arzneimittel keine gewöhnlichen Konsumgüter seien, und warnte davor, sie als solche zu behandeln. Er verwies auf die wachsende Bedrohung durch ausländische Online-Apotheken und große heimische Einzelhandelsketten, die den Druck auf die traditionellen Apotheken weiter erhöhen. Der globale Markt für Online-Apotheken soll bis 2026 ein Volumen von 46,01 Milliarden US-Dollar erreichen, mit einer jährlichen Wachstumsrate von 13,56 Prozent bis 2035. Allein in Deutschland erzielten die zehn größten Online-Anbieter bis 2021 einen Umsatz von rund 2,2 Milliarden Euro – und der Trend zeigt weiter nach oben.
Der Versandhandel mit rezeptfreien Medikamenten (OTC) in Deutschland wuchs 2025 um 5,5 Prozent, wobei Gesundheitsprodukte mit einem Plus von 11,3 Prozent am stärksten zulegten. Gleichzeitig stagnierten die klassischen Apotheken: Trotz eines Rückgangs der abgegebenen Packungseinheiten um 0,3 Prozent verzeichneten sie bei verschreibungspflichtigen Medikamenten nur ein Umsatzplus von 6,7 Prozent. Schellenberg warnte, eine weitere Schwächung des flächendeckenden Apothekennetzes wäre leichtsinnig, da es eine entscheidende Rolle für die Arzneimittelsicherheit und fachliche Beratung spiele.
Die Landesregierungen teilen zwar teilweise die Sorgen um den Apothekensektor, treiben im aktuellen parlamentarischen Prozess jedoch Veränderungen voran. Schellenberg forderte die Politik auf, die Warnungen der Apotheker ernst zu nehmen, um eine zuverlässige Arzneimittelversorgung und Beratung zu gewährleisten. Er bestand darauf, dass lokale Apotheken als unverzichtbare Gesundheitsinfrastruktur anerkannt werden müssten – und nicht den Launen des Marktes überlassen bleiben dürften.
Die Debatte über die Zukunft der Arzneimittelversorgung in Deutschland kreist nun um zwei Modelle: die fachkundige Begleitung durch Apotheker oder das ungebremste Wachstum des Online-Handels. Schellenbergs Warnungen kommen zu einer Zeit, in der Online-Apotheken rasant expandieren, während traditionelle Apotheken kaum mithalten können. Die Weichenstellung wird entscheiden, ob die fachliche Betreuung weiterhin das Rückgrat des deutschen Gesundheitssystems bleibt.






