Boris Palmer: Genie oder Grenzgänger? Die Grünen vor der Zerreißprobe
Amelie HoffmannBoris Palmer: Genie oder Grenzgänger? Die Grünen vor der Zerreißprobe
Boris Palmer, der umstrittene Oberbürgermeister Tübingen, polarisiert mit seiner politischen Bilanz: Die einen feiern ihn als pragmatischen Macher, der Wirtschaftswachstum mit CO₂-Reduktion verband, die anderen verurteilen seine provokanten Äußerungen und spaltende Rhetorik. Nun spitzt sich die Debatte zu, ob er in der Landesregierung Baden-Württembergs ein Amt erhalten soll.
Die Diskussion entzündet sich an Cem Özdemir, einem führenden Grünen-Politiker, der unter Druck gerät, Palmer möglicherweise eine Ministerposition zu übertragen. Befürworter argumentieren, sein parteiübergreifender Erfolg könnte der Partei neue Impulse geben – Kritiker halten ihm entgegen, seine wiederholten entgleisten Aussagen disqualifizierten ihn für ein öffentliches Amt.
Palmers politische Laufbahn ist von Widersprüchen geprägt. Als Tübinger Oberbürgermeister setzte er sich in Wahlen gegen Kandidaten mehrerer Parteien durch und bewies damit seine Anziehungskraft jenseits klassischer Parteigrenzen. Seine Amtszeit war geprägt von wirtschaftlichem Aufschwung bei gleichzeitig deutlichen CO₂-Einsparungen – eine seltene Kombination, die ihm den Ruf eines sozial-ökologischen Pragmatikers einbrachte. Unterstützer wie der Journalist Peter Unfried verweisen auf diese Bilanz und sehen in Palmers parteiunabhängigem Ansatz und seinen Erfolgen starke Argumente für eine Regierungsbeteiligung.
Doch seine Karriere ist auch von wiederkehrenden Eklats überschattet. Während der Coronavirus-Pandemie löste er Empörung aus, als er suggerierte, Deutschland verschwende Ressourcen an alte oder kranke Patienten, die "ohnehin in einem halben Jahr tot" seien. Bei einer Migrationskonferenz verwendete er das N-Wort und verglich die Diffamierung als "Nazi" mit der Zwangsmarkierung von Juden durch den Judenstern. In einem Facebook-Post steigerte er die Provokation noch, indem er rassistisch beleidigende Begriffe nutzte und dem Fußballer Dennis Aogo fälschlich unterstellte, er habe einer Frau seinen "Negerschwanz" angeboten.
Die Grünen haben sich bereits von Palmer distanziert, ihm die Unterstützung entzogen und Parteiausschlussverfahren wegen seiner Äußerungen eingeleitet. Die scharfe Kritikerin Alice von Lenthe bezeichnet ihn als Menschenfeind, Rassisten und Holocaust-Verharmloser und fordert von Özdemir, eine Ministerernennung zu blockieren. Seine Haltungen seien mit einem öffentlichen Amt unvereinbar.
Trotz der Vorbehalte sehen manche in der Partei strategischen Nutzen in Palmers Regierungsbeteiligung. Özdemir arbeitete bereits mit ihm an Deregulierungsvorhaben und betonte in Kampagnen den Begriff "Beinfreiheit" – ein Schlagwort für weniger bürokratische Gängelei. Palmers Ernennung könnte einen Kurswechsel der Grünen in Baden-Württemberg einläuten: weg von ideologischer Strenge, hin zu mehr Pragmatismus.
Unfried räumt die Risiken ein, hält die möglichen Vorteile – wie wirksamere Politik und ein Ende dogmatischer Verkrustung – aber für überzeugender. Nun geht es um die Frage, ob Palmers Erfolgsbilanz seine wiederholten Grenzüberschreitungen aufwiegt.
Die Entscheidung über Palmers Zukunft liegt bei Özdemir, der bereits als Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft sowie zuletzt als Bildungsminister amtierte. Eine Ernennung Palmers könnte das Image der Grünen im Land neu definieren – mit mehr Fokus auf Ergebnisse als auf ideologische Reinheit. Seine Kritiker jedoch bleiben unnachgiebig: Ein Politiker, der immer wieder ethische und gesellschaftliche Grenzen überschreite, habe in der Regierung nichts verloren. Der Ausgang der Debatte wird zeigen, ob die Partei in ihrer nächsten Phase Pragmatismus über Prinzipien stellt.