"36 Boys": Wie ein Kreuzberger Gang-Mitglied seine blutigen Jugendjahre aufarbeitet
Amelie Hoffmann"36 Boys": Wie ein Kreuzberger Gang-Mitglied seine blutigen Jugendjahre aufarbeitet
Ein neues Buch enthüllt die brutalen Aufnahmerituale der „36 Boys“ – einer berüchtigten Straßengang aus dem Berlin-Kreuzberg der 1980er-Jahre. In 36 Boys: Wie eine Kreuzberger Bande zur Legende wurde schildert der Journalist Paul Christoph Gäbler die seltenen Erinnerungen von Tim Raue, dem einzigen deutschen Mitglied in einer überwiegend türkisch geprägten Gruppe. Der heute 52-jährige Raue blickt zurück auf die Gewalt, die er in seinen Teenagerjahren sowohl erlebte als auch ausübte.
Die „36 Boys“ formierten sich als Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit unter marginalisierten Jugendlichen in Kreuzberg. Der Preis für die Mitgliedschaft war hoch: Neue Rekruten mussten sich drei Minuten lang gegen zwei bestehende Mitglieder behaupten. Raue, damals erst 14, stieg in den Ring – hielt die volle Zeit aber nicht durch. Obwohl geschlagen, floh er nicht – ein Beweis von Widerstandskraft, der ihm einen dauerhaften Platz in der Gang einbrachte.
Die Aufnahmeprüfung hinterließ bei Raue eine Narbe im Gesicht, die er bis heute mit einer Mischung aus Stolz und Nachdenklichkeit trägt. Schlägereien mit rivalisierenden Banden gehörten zum Alltag, oft war man zahlenmäßig unterlegen. Für Raue kam ein Rückzug nie infrage – auch wenn er Gewalt heute als Erwachsener entschlossen ablehnt.
Gäblers Buch rekonstruiert den Aufstieg der Gang anhand von Interviews, wobei Raues Perspektive eine seltene deutsche Stimme in einer vor allem von türkischen Mitgliedern erzählten Geschichte bietet. Sein Bericht wirft ein Licht auf die harte Realität von Straßenloyalität – und die Narben, sowohl körperlichen als auch seelischen, die Jahrzehnte später noch nachwirken.
Raues Schilderung hebt sich als einziges deutsches Zeugnis in einer Gang-Geschichte ab, die ansonsten von türkischen Mitgliedern erzählt wird. Das Buch fängt einen Moment der Berliner Vergangenheit ein, als Straßenschlachten für viele junge Männer identitätsstiftend waren. Heute stehen Raues Erfahrungen als Mahnmal dafür, wie weit er – und mit ihm die Stadt – sich entwickelt haben.






