Deutsche Industrie flieht ins Ausland – warum Jobs und Produktion verschwinden
Emil NeumannDeutsche Industrie flieht ins Ausland – warum Jobs und Produktion verschwinden
Deutsche Industrieunternehmen verlagern Produktion und Forschung in rasantem Tempo ins Ausland. Hohe Lohnkosten, überbordende Bürokratie und teure Energie treiben diese Entwicklung voran. Viele setzen auf eine „Local-for-Local“-Strategie, um regionale Märkte effizienter zu bedienen.
Die Arbeitskosten in Deutschland liegen weiterhin 22 Prozent über dem EU-Durchschnitt. In asiatischen und osteuropäischen Ländern betragen sie weniger als die Hälfte. Diese Kostendifferenz veranlasst Unternehmen, Standorte und Arbeitsplätze zu verlagern.
Fast jedes befragte Industrieunternehmen plant bis 2030 eine Expansion in Indien. Dort werden die Umsätze voraussichtlich im Schnitt um 4 Prozent steigen. Durch Automatisierung und KI werden dabei jedoch kaum neue Arbeitsplätze entstehen.
Rund 40 Prozent der Investitionsbudgets bis 2030 fließen dennoch nach Deutschland – vor allem in die Instandhaltung bestehender Standorte und die Automatisierung. Neue Kapazitäten und Beschäftigung entstehen dagegen vermehrt im Ausland.
Unterbrechungen in den Lieferketten gelten inzwischen als größtes betriebliches Risiko. Um die Anfälligkeit zu verringern, bauen Unternehmen die Produktion näher an ihren Absatzmärkten auf. Der Chemiekonzern Evonik hat weitere 3.200 Stellenstreichungen angekündigt, überwiegend in Deutschland. Seit 2024 wurden bereits 2.800 Verwaltungsstellen abgebaut.
Bis Ende des ersten Quartals 2026 hatte die deutsche Industrie 127.300 Arbeitsplätze verloren – ein Rückgang um 2,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Seit 2019 summiert sich der Verlust auf 341.500 Stellen.
Nur 16 Prozent der Unternehmen wollen ihren Personalbestand in Deutschland ausbauen. Eine ähnliche Zurückhaltung zeigt sich in ganz Westeuropa. Job- und Produktionswachstum konzentriert sich nun auf Indien, China, Nordamerika, den Nahen Osten und Afrika. Deutsche Firmen wandeln sich von reinen Exportnation zu global aufgestellten Herstellern, behalten aber Hauptsitze und Kernfunktionen im Inland.
